Bericht in der NOZ Neuen Osnabrücker Zeitung
vom 20. Oktober 2005, Nordwest, Seite 29
„Ärzte sind schlecht ausgebildet"
2000 bei Schmerzkongress - „Rückenprobleme deuten auf Unzufriedenheit«
Von Eckhard Stengel
Bremen
Etwa jeder Zehnte in
Deutschland leidet an chronischen Schmerzen - aber bei der Ausbildung von
Allgemeinmedizinern und Internisten „kommt das Wort Schmerztherapie nicht vor".
Diesen Vorwurf erhebt die „Deutsche Gesellschaft zum Studium des Schmerzes"(DGSS).
„Das ist eine Katastrophe", sagte DGSS-Präsident Michael Zenz am
Mittwoch auf der Eröffnungspressekonferenz des „Deutschen Schmerzkongresses" in
Bremen. Da die Schmerztherapie kein Pflichtbestandteil der Ausbildung sei, seien
viele Hausärzte mit diesem Leiden überfordert, meinte der Bochumer
Medizinprofessor. Die Folge seien „sehr viele überzogene oder falsche Therapien"
mit entsprechend unnötigen Kosten.
Manche Patienten, so Zenz, würden jahrelang von verschiedenen Ärzten erfolglos behandelt. „Wieso sagt der 15. Arzt nicht: Jetzt schicke ich dich zum Spezialisten?", fragte der DGSS-Chef.
Der Präsident der „Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft" (DMKG), der Münsteraner Professor Stefan Evers, erläuterte in Bremen, dass Arbeitslose und andere Einkommensschwache überdurchschnittlich häufig an chronischen Schmerzen leiden. In diesen Schichten fehle oft die Chance oder die Bereitschaft, Expertenhilfe zu nutzen. Gerade Rückenschiherzen hingen oft mit Hoffnungslosigkeit, Unzufriedenheit oder mangelnder Stressbewältigung zusammen.
Da acht bis zehn Millionen Menschen in Deutschland an chronischen Schmerzen leiden und deshalb teilweise nicht arbeiten können, entstehen Folgekosten von 25 Milliarden Euro pro Jahr, so Zenz unter Berufung auf die Bundesregierung. Etwa 600000 der Betroffenen brauchten eine besondere Therapie. Bei Menschen über 65 Jahren seien chronische Schmerzen sogar schon „Krankheit Nummer eins weit vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen."
Dennoch mangele es nicht nur an der Ausbildung vieler Ärzte, sondern auch an der Bezahlung. Für Klinikambulanzen und niedergelassene Spezialisten sei die Schmerztherapie ein „absolutes Zuschussgeschäft", klagte Zenz. Einige Krankenhäuser hätten ihre Ambulanz deshalb wieder geschlossen. Kongresspräsident Strumpf erzählte, frei praktizierende Ärzte könnten Schmerztherapie nur anbieten, wenn sie ein anderes Standbein hätten. Eine halbe Stunde Beratung bringe ihnen „vielleicht 7,50 Euro - als hätten sie nur ein Rezept ausgestellt."
Auf dem Schmerzkongress tauschen bis Samstag über 2000 Fachleute ihre Erfahrungen aus. Unter anderem geht es um Rauchen als Risikofaktor und um Kopfschmerzen, die durch zu häufige Einnahme von Schmerzmitteln entstehen können.